Ich sehe, Strindberg hat sich jetzt schon mehr Wissen für die IZH-35 verschafft als Bernd jemals haben wird. Beachtlich.
Nachdem Strindberg meiner Frage nach dem sinnvollen Adressaten einer etwaigen Antwort aber erwiderte: "Das Forum und interessierte Leser/innen im allgemeinen doch bestimmt, oder?
", sollte ich ihm und ebenso auch den nicht vernagelten Foristen vielleicht doch antworten, zumal ich von der IZH-35 zwar nicht ganz, aber doch annähernd soviel Ahnung habe wie umgekehrt no.limits von der MG2.
Die optische Anmutung bei beiden Waffen ist zunächst einmal etwas gewöhnungsbedürftig:
während die MG2 ungefähr den Charme und die Designeleganz einer elektronischen Toilettendrosselspule auf einem Borg-Kubus hat, und ein spilleriges Plastik-"Magazin"röhrchen (nie war ein Diminutiv so begründet), das schon beim Anschauen zusammenzubröseln scheint (tut es aber dann doch nicht !) ,
so wirkt die IZH-35 meistens (es gab im Laufe der Produktion geringfügige Änderungen am Griffstück/Rahmen) wie das erste Lehrstück von Aljoscha dem Grobschmied, der seinen Wehrdienst in der Roten Armee als Feldbüchsenmacher ableistet. Und wie viele russische Waffen lässt sie sich auch mit einfachsten Bordmitteln reparieren. Lustig, dass dann die begeistertsten Bastler und ewigen Spachtler (wie Bernd) gerade diese Qualität auf einmal abwerten wollen.
Zur Genese:
mag könnte versucht sein, die IZH-35 als eine leicht entfeinerte FWB-93 zu charaktisieren, die alle Züge des Originals trägt, die aber mit matter Brünierung grober Bearbeitung (außer dort, wo's drauf ankommt) weniger schmuck aussieht und die vor allem etwa 1/10 kostet (Vergelich gebrauchte IZH-35 zu neuer FWB-93; verglichen zu einer gebrauchten Feinwerkbau ist Verhältnis annäherend 1:4 oder 1:5). Das träfe es ganz gut in der Abbreviatur. Es wäre aber streng genommen nicht richtig, denn sie sind eher zwei uneheliche Geschwister, zu denen jetzt nach Jahrzehnten noch ein weiteres gekommen ist, der Schoß war fruchtbar noch (gezeugt im Rahmen des neuen Autarkieprogramms des Reiches aller Reußen nach dem Waffenembargo aufgrund der Ukrainesanktionen, doch davon vielleicht noch einmal später).
Tatsächlich gehen sie alle zurück auf Efim Khaidurovs (Haidurov's) legendäre HR-30. Während die HR-30 aber immer eine weitestgehend handgefertigte Kaderwaffe blieb, ist die IZH-35 eine für die ökonomische Fabrikfertigung ausgelegte und in großen Mengen exportierte Waffe. In der Sowjetunion blieb sie freilich Kaderwaffe; das Schützenvolk hatte, wie auch sonst im Ostblock, Margolins. Heute ist sie nicht mehr der letzte Schrei wie damals, als sie eine Reihe Medaillen in Olympischen Spielen und ISSF-Weltmeisterschaften einfuhr, da ist der Fortschritt weitergegangen, aber bis in die jeweilige nationale Spitze hinein kommt man damit gut. Dort allerdings macht sich dann die Überlegenheit modernener und schussstabilerer Waffen bemerkbar, auf die ja auch no.limits immer wieder hinweist. Ab 570 aufwärts hat man keinen Punkt mehr zu verschenken.
Zum Abzug:
der ist vorzüglich, einfach einzustellen (auch und gerade von Nicht-Schrauberschlümpfen) und hält. Gelegentlich solte man dennoch nachstellen, das ist aber auch normal. Einer Walther GSP und einer Hämmerli allemal ebenbürtig, wenn nicht vozuziehen. Ist allerdings so wie in der IZH konstruiert heute nicht mehr Stand der 360°-Rundum-Schwenk-und-Anpass-Technik.
Handlage:
an sich sehr gut wegen der niedrigen Laufachse. Springt im Schuss etwas weniger als FWB-93, handhabt sich aber deutlich unruhiger als eine Pardini, als meine Chang Feng oder gar eine MG2. Insoweit sehr gut vergleichbar mit der Hämmerli 208/215 - wer die mag, wird auch die IZH-35 mögen. Hauptunterschied ist der bei der IZH-35 sehr leichte Schlitten. Zu ihm noch später. Die Griffschalen kann man tauschen, aber das hat hier natürlich ausgerechnet DERjenige vergessen, der sonst der größte Griffebastler und -tauscher von allen ist.
Die russischen Originalgriffe:
sehen seltsam aus und fassen sich seltsam an. Sie soind wohl als reine Aufnahmebasis für Holzspachtel gedacht. Viele der vielen in Deutschland verkauften IZH-35 (oft unter dem Markenname "Baikal", später als Walther KSP) haben aber moderne und gut liegende Griffe von Morini oder Fürstenberg. An denen ist nix zu kritisieren, die sind "out of the box" sehr brauchbar.
Reparierbarkeit und Anfälligkeit für Defekte:
die IZH-35 ist schier unverwüstlich, aber nicht völlig wartungs- oder fehlerfrei. Das klingt nur beim ersten Hören paradox, denn natürlich kann alles irgendwann irgendwie kaputtgehen. Während das bei einer Spitzenwaffe eines internationalen Schützen aber vollkommen wurst ist, weil er/sie erstens eine Reservewaffe dabei hat, und zweitens die Waffen eh' dauernd vom teameigenen Waffenmechaniker durchgeschaut und gewartet werden, ohne dass der Meister des Sports groß was davon mitkriegt, noch mitkriegen will, ist das z.B. bei einer Vereinswaffe ein wichtiges Kriterium. Mit der IZH-35 können auch Jugendliche mit zwei linken Händen umgehen.
Der vorhin gebrauchte Vergleich mit der Hämmerli 208 kann hier noch einmal aufgenommen werden. Denn sie hat ebenso wie die IZH-35 zwischenzeitlich ein Ersatzteilproblem (trotz Judith Biilharz), und natürlich fehlen vor ihr allem *die* Ersatzteile, die am ehesten benötigt werden, nämlich die Auszieher. Der Auszieher der IZH-35 wird (nicht kann, WIRD) sich irgendwann veranschieden, und zwar nicht etwa durch Bruch, da kann auch ein Panzer drüberrollen, ohne dass es das Teil stört, sondern weil er bei Randausbläsern oder out-of-battery-fire wegfliegt und nicht mehr wiederzufinden ist. Sonst geht nix groß kaputt, außer manchmal der Schlitten. Ja, Strindberg, es gibt IZH-35 mit Schlittenrissen. Das ist zwar nicht so häufig wie bei der FWB-93 das frühe Problem der Wasserstoffversprödung, oder wie bei der anfänglichen Hämmerli SP 20 (Rahmenrisse), aber es kann vorkommen.
Die Waffe, bei der ich es sah, hatte sicher schon 10.000 Schuss hinter sich, vermutlich mehr. Der Riss ging von der nachträglich eingebrachten Schwachstelle aus, nämlich von dem automatischen (!) Schlittenfang, den der deutsche Importeur der Waffe hatte angedeihen lassen. Außerdem verabschiedete sich mal der gefederte Druckknopf zum Halten des Laufmantels (der sitzt auch mit dem Knopf lose, passt, wackelt und hat Luft) - kein Problem, ein Vorderladerverdämmungsfilz .44 oder .45 erfüllt dieselbe Funktion zuverlässig und völlig problemlos seit vielen tausenden Schuss. Behelf im russischen Geiste für wenige Cent - hält länger als der Rest der Waffe, und die hielt schon lange.
Materialqualität, Aufschmiedung, Doppeln:
nicht alle IZH-35 fangen irgendwann (nach 5000 oder 8000 oder 10.000 Schuss) an, gelegentlich auch mal zu doppeln. Aber das Phänomen ist doch zu wenig selten, als dass man dies als reines Einzelfallproblem abtun könnte. Strindberg hat auf meinen Hinweis hin Targettalk durchforstet, und da genügend Berichte gelesen, vielleicht auch von mir.
Man kann wohl sagen, dass nicht alle Waffen eine gleich gute Härtung in den kritischen Bereichen haben. Manche ja, andere nein. Dem Problem lässt sich zumeist durch Wahl der geeignete Munition beikommen, denn nicht (!) bei allen Patronenfabrikaten tritt es auf. Entscheidet ist die Empfindlichkeit des Zündsatzes und die Randdicke, und glaube bitte keiner, die seien fast identisch. Hierzu mag Herr der Ringe mehr sagen. Die Magazine dagegen sind fast unkaputtbar. Panzerplatten.
Am Design liegt die Aufschmiedung nicht, weil unzählige Waffen seit der Walther Olympia gleichartige Kontaktflächen haben, oft sogar noch mit deutlich schwereren Schlitten. Bei den Hämmerlis passiert das aber nicht. 
Abhilfe ist leicht möglich: Stoßbodenausnehmung minimal nachreiben, dabei aber darauf achten, dass es dann nicht zu Schlagbolzenvorstand kommt. Im Gegenstand zur Pardini hält der russische Schlagbolzen übrigens und hält und hält und hält.
Noch einmal zum Schlittenfang:
viele wenn nicht sogar die Mehrzahl der nach Deutschland exportierten IZH-35 haben Schlittenfänge (verschiedener Konstruktion) und fast alle haben ihre ursprüngliche Griffstücksicherung entfernt bekommen. Dank sei Frankonia. Dir ist aber gewiss bewusst, Strindberg, dass eben dieser Punkt heftig umstritten ist und bleibt: eine Schule verlangt gleiche Haptik nach jedem Schuss (also auch nach dem letzten), die andere will den Verschluss hinten gefangen sehen. Der automatische Schlittenfang, wie ihn meine hat, verlangt trotz seiner Einfachheit etwas Pflege. Das Holz der Griffschale muss tief genug ausgestochen sein, und er muss (Verschmutzung !) leichtgängig bleiben. Außerdem bringt die Fangrast eine Schwächung in den Schlitten ein, an einer bereits etwas dünneren Stelle.
Fazit:
Die IZH-35, die zur Zeit nur gebraucht gibt, ist nicht nur eine schier ideale Vereins- und Anfängerwaffe (und als solche m.E. deutlich besser geeignet als eine Walther GSP), sie kann einen auch bis zur DM immer noch gut begleiten. Für Standardpistole ist sie noch geeignet, aber etwas zu leicht und unruhig im Schuss für Spitzenergebnisse in der 10-Sek-Serie (obwohl es Gewichte gibt), und für OSP sowieso nicht besonders.
International spielt sie inzwischen kaum noch eine Rolle mehr, und für wen Geld eh' keine Rolle spielt, der mag von vornherein ein modernes Topmodell wählen. Man fährt ja auch keinen getunten Opel Manta, wenn man genauso gut einen Ferrari oder Lamborghini kutschieren kann.
Dafür aber ist das Preis-Leistungs-Niveau UNSCHLAGBAR günstig. Wenn sie kaputt ist, schlachtet man sie aus und kauft einfach eine neue. Bei Preisen zwischen 100 und 200 Euro (dann aber nur mit Ersatzteilen !) kein Problem. Wer mehr zahlt, ist blöd, das steht jedem frei.
Carcano