Lieber Califax,
Dein durchdachter und wertvoller Einwurf verdient auf jeden Fall eine Antwort, eigentlich sogar zwei Antworten. Denn du sprichst in deinem Posting zwei zwar miteinander in Zusammenhang stehende, aber doch durchaus verschiedene Aspekte an.
1.
Soweit es die Rolle der Athletensprecher oder Athletenkomitees innerhalb der sportlichen Dachverbände betrifft, so gibt es gewiss eine Reihe von Sporthistorikern und Sportwissenschaftlern, die deren Entstehung und Entwicklung besser nachzeichnen können als ich, sogar viel besser. Das ist ein interessantes Thema der Sportsoziologie und zu einem gewissen Grad der Sportpolitik.
Und da ja nicht alle Sportwissenschaftler Deppen oder praktizierende Doping-Experten sind, würde ich mit hoher Wahrscheinlichkeit annehmen, dass es über die Entstehung und die Wandlung solcher Athletenvertretungen bereits mindestens Bachelorarbeiten, vermutlich aber auch Masterarbeiten gibt, vielleicht auch schon Dissertationen.
Soweit ich das überblicke, war der Grund der Entstehung derjenige, dass nach der Aufgabe des ohnehin immer schon tief verlogen und heuchlerisch gewesenen, und genau genommen auch insgesamt in der Menschheitsgeschichte nicht länger als 50 Jahre bestehenden Amateur-Paradigma, sodann die professionellen Sportler, die auch von ihrem Sport leben mussten, von den Spitzensportverbänden häufig als eine Art botmäßige Leibeigene oder gierige und gebührend zu knechtende Bittsteller behandelt worden waren und nicht etwa als zu respektierende und autonome Subjekte.
Der autoritäre und manchmal brutale Gestus der Funktionäre alten Schlages gegenüber den Athleten, die doch von wesentlicher Bedeutung für die Entwicklung und Popularität des Sportes geworden waren und auch weiterhin sind, war wohl der Ausschlag für die Gründung derartiger Athletenkomitees oder -Vertretungen.
Das mag erklären, warum sich dies im Bereich des Leistungssports abbildete. Die normalen vereinsangehörigen BreitensportlerInnen waren und sind ja theoretisch (nicht wirklich in der Praxis) im Rahmen der Vereins- und Verbandsdemokratie wahlberechtigt und hätten so natürlich über 4-5-6 Instanzen homöopathisch verdünnt irgendwie auch einen Einfluss auf die Verbandsleitungen ausüben können, was freilich weit mehr politiktheoretische Illusion als gelebte Realität war, das wissen wir beide. Darüber hat auch insbesondere Helmut Digel vor kurzer Zeit einmal ebenso knackig wie wahrheitsliebend geschrieben.
Aber das könnte es erklären, warum etwa auf der Ebene der Landesschützenverbände kein eigenständiger „Sportler-Vertreter" in einem Präsidium sitzt. Und wer weiß, vielleicht ist dies auch schon in irgend einem Landesschießsportverband der Fall, und ich weiß davon nur noch nichts.
2.
Davon zu trennen ist die Frage nach der Sportförderung, und die ist ja sehr oft und auch schon sehr tiefschürfend und kontrovers diskutiert worden. Sie sollte auch hier im Forum immer wieder einmal gestellt werden. Sowohl einige Sportwissenschaftler, als auch insbesondere SportjournalistInnen haben die Sportförderung und ihre strukturellen Irrwege und Schwächen immer wieder öffentlich erörtert und auch zum Gegenstand des Medieninteresses gemacht.
Zur der fatalen früheren Medaillen-Fixiertheit, welche du immer noch diagnostizierst (ich glaube aber, dass die eigentlichen heutigen Entscheidungsträger da schon etwas weiter sind und nicht allein auf irgendwelche runden Blechstücke an einem Bande schauen, sondern eher auf die ersten 8 oder 10 Plätze) und die fatale Fehlentwicklung, dass Mittel der öffentlichen Hand vor allem an die Spitzensportförderung gehen, wo sie aber eigentlich gerade nicht hingehören, während der Breitensport und Vereinssport, der viel eher aus öffentlicher Hand unterstützt und gefördert zu werden verdient, praktisch den Vereinen und Verbänden selbst überlassen wird. Gleiches gilt für die alberne und dumme Fixiertheit auf die "olympischen" Disziplinen. Aber da öffnet sich inzwischen sogar das IOK.
Jeder nüchtern-neutrale außerirdische Besucher würde sich nach dem Aussteigen aus dem Raumschiff nur fassungslos die Tentakel raufen, und würde fragen, warum die Erdlinge so verquer und eigentlich kontrafaktisch agieren. Dazu kann und sollte man auf jeden Fall noch einmal separat etwas schreiben, denn in der Sache stimme ich dir da durchaus zu.
3.
In einem Punkte stimme ich Dir allerdings nicht so leicht bei. Es gibt ja eine ganz beliebte und gerne gepflegte Illusion, nämlich die Version von der Pyramide des Breitensports, von der aus sich dann immer schmaler zulaufend der Spitzensport systematisch aufbaut, wobei der Spitzensport diesen Unterbau der Massen also gut marxistisch gesehen als "Produktionsgrundlage" brauche.
Aber in der Realität ist das Gegenteil der Fall. Ob das nun gut oder schlecht ist, habe ich nicht zu beurteilen, aber es ist einfach nicht so. Das ist eine brave Traumwelt aus Turnvater Jahns Zeiten.
In Wahrheit kann man überall der Welt auf der grünen Wiese oder in der blanken Wüste mit genügend Geld sofort Spitzensport betreiben und kann innerhalb einer relativ kurzen Zeit, mit genügend Aufwand, Höchstleistungsathleten produzieren und zu bald internationalen Wettkämpfen entsenden. Das geht. Erforderlich ist ein autoritäres Regime einerseits, eine staatlich gelenkte Sportverwaltung andererseits (wobei die Objekte - sportelnde Menschen werden dort ja nicht als Subjekte gesehen – eben dorthin geschoben werden, wo die Talentdiagnostik sie verortet), und schließlich auch die Bereitschaft, viel Geld und nicht wenig Medikamente fließen zu lassen.
Das gilt nicht nur für Bobfahrer, sondern auch und sogar vor allem für den Schießsport. Weniger das Doping, das ist bei uns relativ selten und wenn, dann sind es eher Beta-Blocker, aber sportliche Spitzenleistung gibt es auch dort, wo es kaum privaten Waffenbesitz gibt, oder wo aus anderen Gründen es praktisch keinen vereinsmäßigen Unterbau gibt.
Ich kann dir innerhalb von zwei Jahren von 10 auf 100 z.B. in Kenia eine Reihe von Medaillen - und damit auch olympische Quotenplatzgewinner - bei den Afrikanischen Kontinentalmeisterschaften produzieren, das ist überhaupt kein Problem. Das Potential ist überall da, und es kann kurzfristig entwickelt werden. Wenn man das denn will.
[Und wenn die Politik dafür das Geld hat, und nicht für andere Protzprojekte, etwa für eine wahnsinnig teure neue Normalspurbahn mit veraltetem chinesischem rollenden Material auf dem Stand der Siebzigerjahre (so in Kenia).]
Bis zum nächsten Posting,
herzliche Grüße,
Carcano