Dann muss ich dann wohl doch den ins Spiel gebrachten Ball aufnehmen. Gegen mein obiges Negativbeispiel war ("aus der Mitte des Forums", we es immer so schön heißt) ein anderes Plakat gestellt worden, nämlich eines von Kogges Verein.
Nun ist keines der beides jetzt das geniale Vorbild schlechthin, und man kann natürlich auch in der Ankündigung des Schützenvereins Gelb-Blau Bremerhaven 2002 e.V. Fehler oder Verbesserungswürdiges finden. Wenn man will.
Aber der entscheidende Unterschied ist, dass letzteres Plakat seinen Zweck (einigermaßen) erkannt und erfüllt hat und ersteres nicht. Der ESV Weil am Rhein (Sportschützenabteilung) hat vielmehr alles falsch gemacht, was man so überhaupt falsch machen kann. Und das kumulativ und in erschreckender Negativvorbildlichkeit.
Erstens: niemandem im ESV Weil ist offenbar klar, WARUM man überhaupt einen "Tag der offenen Tür " abhält oder eher abhalten soll (das letztere Gefühl ist dort wohl der entscheidende Faktor). Also der inzwischen schon sarkastisch so genannte Ziel-im-Visier-Effekt: man muss es halt irgendwie lustlos machen und will eigentlich überhaupt nicht. Und dieses Gefühl der oktroyierten Sinnlosigkeit überträgt sich auch überdeutlich auf den Betrachter des Plakats. Man spürt sofort, dass hier etwas pflichtmäßig-Langweiliges durchgezogen werden muss. Klingt ziemlich genau wie:
Zitat
"Die Versandabteilung der Schnickundschnack GmbH beehrt sich, die werte Belegschaft aller Abteilungen zum alljährlichen heiteren Fastnachtsabend einzuladen. Einlass von 18:45 bis 19:10 in der Versandhalle III, Eingang durch die alte Sanitätsabteilung; kein Vorverkauf außer am Montag in der Mittagspause in der Kantine. Ein närrischer Imbiss wird gegen Entgelt gereicht; es herrscht Kappenzwang!"
Zweitens: "ein Tag der offenen Tür" soll eigentlich der Werbung dienen. Der Werbung für den Schießsport ganz allgemein ebenso wie für den eigenen konkreten Verein. Was oft übersehen wird, ist dass bereits das Plakat und andere Werbemittel (Flyer, Anzeigen, Webpage, FB-Eventankündigung) für und in sich selbst schon diesem Zweck dienen.
Noch einmal ganz klar: auch bei denen, die an dem Tag NICHT kommen oder kommen können, soll die Werbung etwas transportieren (Informationen) oder etwas auslösen (Gefühle, Interesse, irgendwann-später-einmal-Ausprobierenwollen). Das wird häufig übersehen, Werbung sollte deshalb orginell und einprägsam sein. Typographische Schönheit schadet nicht, ist aber auch nicht zwingend vonnöten.
Drittens: jeder Verein hat andere Dinge, das er in den Vordergrund stellen oder bewerben könnte. Nur muss man sich überlegen, was oder welche Aspekte das sind. Die Vielfalt des Schießsports in mehreren Verbänden? IPSC? Fröhliches Westernschießen in historisierender Kleidung? Die großen Erfolge der eigenen Bundesligamannschaft? Die mehrfach preisgewürdigte Blaskapelle und das 475jährige Jubiläum der Reiterabteilung? Erfolgreiche MigrantInnen? Die Jugendgruppe mit ihrem über den Schießsport inausgehenden Freizeit- und Betreuungsangebot? Eine große Sportwaffenschau (alles darf unter Anleitung ausprobiert werden, auch und gerade die Großkaliber)? Die neue 300-m-Bahn? Mehrere frühere Olympiateilnehmer am Stand? Ein historisches Vorderlader- (bzw. Modellkanonen-)schießen? Oder oder oder?
Man kann durchaus mehrere Akzente gleichzeitig setzen, sollte es sogar. Nur setzen muss man sie. Einfach die Tür aufmachen und nicht wissen, warum und wozu - das geht nicht !
Viertens: wenn man Sportwaffen auf den Plakaten darstellen wlll (was sehr sinnvoll ist), dann sollten es mehrere sein. Außer der Verein schösse ausschließlich Luftgewehr und sonst gar nichts (nicht einmal Luftpistole). Eine gewisse Vielseitigkeit des Sports sollte eine solche Einladung damit ausstrahlen, auch wenn sie Akzente setzt. Das wurde hier in Weil versäumt. Nur 2x Luftpistole, auch noch erzlangweilg abphotographiert.
Fünftens: Sportler abzubilden ist an und für sich gut. Besser jedenfalls als Oberschützenmeister Rullkötter IV und Schützenmajor Strullerbeck in grüner Schützenuniform mit Hut und Amtskette im Hausmeister-Krause-Stil ("Alles für den Dackel, alles für den Hund!"). Das müssen dann aber dynamische und aussagekräftige, ansprechende Bilder sein. Und damit tun sich Schützen notorisch ganz, ganz schwer, was auch dieses Forum hier immer wieder aufs Neue erweist. Dabei ist es durchaus möglich - die ISSF macht es auf ihrer Website täglich neu vor.
Was dagegen gar nicht geht: einen bekannten oder gar berühmten Sportler in den eigenen Reihen haben, sie oder ihn dann aber nur von hinten ablichten. In concreto auf dem Plakat war das wohl Mustafa Ustaoglu (wenn ich dessen Nackenlinie richtig identifiziere), aber hier bewusst anonymisiert ohne Gesicht - so etwas ist unmöglich. Ist geradezu eine Travestie. Nun ja, immer noch besser es ist einer der beiden Ustaoglus von hinten, als das verkniffene Mopsgesicht Roberto della Donnas oder die (nicht !) strahlend-mitreißende Dynamik Heidi Diethelm-Gerbers von vorne; aber das sind auch zwei seltene Extrembeispiele von "noch schlechter", das mir einfallen.
Sechstens: bitte keinen Bratwurstjournalismusstil. Das ist inzwischen eine fest eingeführte Invektive (kommt ursprünglich als Journalismuskritik aus der Blogosphäre). So eine Nullnummer wie "Für Speis' und Trank ist gesorgt" ist ein absolutes no-No-NO. Entweder bietet man etwas Leckeres und nicht ganz Alltägliches an; dann sollte man auch ruhig damit werden (gegrilltes Wild, mexikanisches Buffet beim Westernschießen, großer Kuchenbackwettbewerb mit 40 verschiedenen Kuchen). Oder man hat's nicht, dann erwähnt man es auch gar nicht. Man informiert auf dem Plakat ja auch nicht darüber, dass es bei Regen eine Möglichkeit zum Unterstellen gibgt oder dass auf dem Gelände Toiletten vorhanden sind.
Siebtens: Schützenhäuser und Schießstände tragen fast durchweg absurde Flurnamens- und Straßenangaben, die kein Mensch kennt und kein Navi findet (für unseres gilt das leider genauso wie jedes andere). Wenn man also NEUE (!!) Interessenten durch einen Tag der Offenen Tür einladen und anlocken will, die eben bisher _nicht_ schon einmal da waren (duh...), dann muss man ihnen auch die Möglichkeit geben, herzufinden. So weit wird bei derlei Plakaten und Flyern leider nur selten gedacht. "Wieso - wir wissen doch, wo unser Verein ist?" Ja eben - IHR !!! Aber nicht die, die ihr ansprechen wollt. Doch da endete das Nachdenken schon vorher. Und der Stand des ESV Weil liegt unmöglich versteckt in einer großen Fahrbahnschleife in einem aufgelassenen riesigen Gleisareal.
Achtens: wer sich schon von selbst für den Schießsport interessiert, der wird nicht auf einen Tag der Offenen Tür warten. Denn an jedem sportlichen Trainingstag ist auch Tag der Offenen Tür, und Interessenten rufen dann an und kommen vorbei. Das ist eben der Unterschied zu Feuerwehr, Polizeiwache oder Trinkwasserspeicher der Stadtwerke. Anziehen möchte ein Schützenverein mit einem "Tag der Offenen Tür" gerade Menschen, die irgendein anderes Beiangebot zum Anlass nehmen, vorbeizuschauen, oder die etwas sehen können / offeriert bekommen, was es sonst NICHT so gibt. Und daran fehlt es bei dem Plakat des ESV Weil vollständig. Man hat sich auch nichts überlegt. Stil:
"Wir müssen mal wieda n Tach der offnen Tür machen - Ohh nee, war doch erst letztes Jahr! - Na ja, häng wa halt son Plakat aus, hoffentlich komm nich zu viele !"
Carcano