Ich möchte zum Thema einer solchen "Strukturreform" (das betrifft letztlich Organisation wie Personal) noch eine mehr allgemeine Überlegung anfügen.
Diese Überlegung betrifft allerdings sowohl den Schießsport, als auch das Jagdwesen. Denn ganz genauso wie bei den schießsportlichen Verbänden haben wir auch im Deutschen Jagdverband und seinen Landesjagdverbänden uralte verzopfte Organisationsstrukturen und überkommene Ämter, die tatsächlich gut 90 Jahre zurückgehen. Die Grundstruktur des DJV wurzelt noch im Jahre 1935 (Gründung der Reichsjägerschaft), und sie wurde nach einem Unterbruch von sieben Jahren dann in der jungen Bundesrepublik 1952 nahtlos wieder aufgenommen, selbst der belastete alte Chef (direkt unter Göring angesiedelt) kam wieder in Amt und Würden zurück. Er hat übrigens erneut in der jungen Bundesrepublik keine schlechte Arbeit gemacht, wie viele der sonstigen ehemaligen brauen oder angebräunten Funktionäre und Fachleute auch.
Die alten Strukturen in Schützenwesen und Jagd gingen von einer durchgetakteten und durchorganisierten Matrix aus, die relativ kleinteilig gestaffelt war, und in der eine Vielzahl von kleinen Ämtern und Pöstchen alle mit dadurch gebauchpinselten und stolzen Ehrenamtlichen besetzt werden konnten. Das hat sich heute völlig geändert. Sowohl in der Jagd, als auch im Schießsport.
Zum einen besteht heute, ganz anders als früher, eine relativ deutliche Verbraucher- und Konsumentenmentalität, also die Erwartung, dass man für einen (meist viel zu geringen !) Beitrag eben Mitglied ist, und dann etwas dafür erwarten kann und will; aber man erwartet eben nicht die Dinge, die vielfach der Verein oder Verband immer noch für irgendwie "herkömmlich und geboten" hält, sondern dasjenige, was einen selbst interessiert. Eigene Mitarbeit, ja, dazu gibt es immer noch Engagierte, sogar einige Begeisterte oder - wie Califax selbstironisch schreiben wird - brennende Verrückte, aber es sind viel weniger geworden. Die meisten Vereine haben bei ihren Arbeitsdiensten und Gemeinschaftsarbeiten große Probleme, diese abzudecken.
Und zum anderen ist es im Schießsport so, dass auf Kreis- wie auch Bezirksebene viele Funktionsstellen oder Posten schon länger vakant sind, oder von anderen zwangsläufig (und mehr schlecht als recht) miterledigt werden [müssen]. Jeder Blick in die entsprechenden Personalseiten von Kreis- und auch Bezirksverbänden zeigt dies augenfällig auf. Das Raster ist Widerspiegelung einer nicht mehr existenten Vergangenheit, liest sich teilweise noch wie zu Zeiten Kaiser Wilhelms.
Die Wege zu einer Strukturreform, mit deren Umsetzung auch vielfach schon begonnen worden ist, sind nicht einheitlich, sie lassen sich aber gut vergleichen:
- Zum einen können Hierarchien und Zwischenebenen abgebaut werden, dass haben wir auch in diesem Thread gerade erörtert. Kleinere Schützen"kreise" (in wenigen Landesverbänden heißen sie auch noch "Gaue", also das haargenaue Gegenteil der früheren germanischen und altdeutschen "Gaue", lucus a non lucendo) werden zu größeren Kreisen zusammengelegt, oder gleich zu Regionen.
Dass dabei dann man den alten dreibuchstabigen Begriff, der irgendwo zwischen dem Turnvater Jahn, deutscher Sängerschaft und den Nazis vom schlierig wabernden Nebel der Vergangenheit umgeben ist, auch über Bord wirft, ist kein Verlust. Er wird heute ohnehin nicht mehr verstanden.
Die vielfach existierende Zwischenhierarchie der "Bezirke" stammt aus einer Zeit, als viele Menschen noch zu Fuß oder der Kutsche unterwegs waren, oder als man mit der schnaufenden Lokal- und Vicinalbahn in zwei bis drei Stunden die nächste Kreisstadt erreichen konnte, wo man sich dann eine Droschke nahm. Da war die Landeshauptstadt (ebenso wie der Sitz des Landesschutzverbandes), sehr weit weg, wurde von den meisten Menschen nur einige Male im Leben aufgesucht.
Für größere Schützenfeste, Tagungen und schießsportlichen Wettkämpfe war da eine zumindest noch erreichbare Bezirksebene oft sehr sinnvoll.
Das ist heute nicht mehr so, ganz im Gegenteil, eine notwendig mit zu durchlaufende Ebene dieser Meisterschaften wird vielfach als unnötige zusätzliche Belastung empfunden. Die Annahme, dass es doch auch Schützen und Schützinnen gäbe oder gegeben habe, deren Ziel bereits durch eine Bronzemedaille bei der Bezirksmeisterschaft erfüllt und erreicht sei, will ich nicht völlig von der Hand weisen. Aber seien wir ehrlich, das ist nur eine kleine Minderheit. Niemand war wirklich "stolz" darauf, als dritter von drei Teilnehmern in einer bestimmten Disziplin und Altersklasse dann eben die Bronzemedaille im Bezirk zu errringen.
Die Abschaffung der Bezirksebene auch im Schießsport scheinen mir also vielfach eine durchaus vernünftige Sache zu sein, zumal es ja auch immer schwieriger wird, für die Abhaltung von Meisterschaften genügend Funktioner (verantwortliche Aufsichtspersonen, Kampfrichter, Wettkampfleiter, Auswerter) überhaupt zu finden.
Bei den Jagdverbänden sind aus verschiedenen Gründen die Bezirke noch viel überflüssiger. Die sind noch aus der Zeit der Zwangsmitgliedschaft und ideologischen Durcherfassung übrig geblieben und wurden weitergeschleppt.
Zurück zum Schießsport: Die Landesmeisterschaften hingegen haben immer noch ein gewisses Flair und einen gewissen Anspruch, und es klingt nach außen immer noch gut, sich Landesmeister nennen zu können. Bei den meisten Disziplinen braucht das auch ein gewisses Niveau. In den weniger stark geschossenen, und insbesondere in den schwach besetzten Altersklassen, ist dagegen ein Erfolg bei Landesmeisterschaften nichts, was mit etwas Planung und Vorlauf nicht wunschgemäß angesteuert und erreicht werden könnte, dazu muss man kein Meisterschütze sein. in manchen Fällen (ich denke etwa an junge Pistolenschützinnen) ist es je nach Größe des Verbandes fast schon ein erwartbarer Erfolg. Die Ernüchterung kommt dann eben bei den Deutschen Meisterschaften.
Im Trainingswesen ist es so, dass neben Vereinsverbünden und echten Vereinsfusionen vielfach von den Landesverbänden eine gewisse verteilte Punktstruktur von Talentstützpunkten oder Talentnestern (NWDSB) angestrebt wird, welche für die interessierten Schütz*innen noch in erreichbarer Nähe sind.
- Der zweite Weg besteht darin, die noch auf dem Papier stehenden und längst nicht mehr interessanten Ämter und Posten zu ersetzen durch neuere und ggf. umfassendere Zuständigkeitsbeschreibungen. Wer will heute denn noch "stellvertretende Kreisdamenleiterin" werden, wo es ohnehin gar nicht mehr so viele Schützinnen gibt, und wo die vorhandenen "Schützendamen" auch keinen eigenen geSCHÜTZten Schonraum gegenüber einer Männergesellschaft mehr brauchen, wie noch 1955?
Und die jungen Schützen (unter 18 oder unter 21) haben so viel zu tun, dass sie nicht auch noch ehrenamtlich irgendwelche Posten übernehmen und ausfüllen können und wollen. Wofür es einen Bezirksjugendleiter geben sollte, weiß ich auch nicht, dass kann eine professionell geführte und hinreichend gut hauptamtlich besetzte Landesgeschäftsstelle viel besser und souveräner erledigen, was es da etwa zu organisieren gibt. Ansonsten hat die Jugend (hoffentlich !) mit ihren jeweiligen Trainern und Trainerinnen zu tun, und nicht mit irgendeinem (für sich genommen vielleicht durchaus sympathischen und engagierten) "Bezirksjugendleiter".
- Der letzte, dritte Ansatz zur Strukturreform ist schließlich, dass althergebracht fixierte Ämtergerüst oder Gerippe mentalitätsmäßig zu ersetzen durch eine dynamischere und professionellere Heranziehung der immer noch vorhandenen Bereitschaft zum Freiwilligendienst, zu einigen Arbeitsstunden oder auch zum sonstigen Einsatz für eine Sache, die die Betreffenden überzeugt oder von der sie noch überzeugen kann, wenn man sich Mühe gibt (hallo Califax). Niemand will mehr Stellvertretender Fahnenträger, Vorsitzender des Fest- und Vergnügungskomitees oder Zweiter Schatzmeister sein, aber viele sind bereit, sich im Quartal einige Stunden für den Verein einzubringen.
Es geht also um volunteerism statt um den längst unbrauchbar gewordenen Begriff des "Ehrenamtes". Das hat aber immer noch fast niemand in den Verbänden so richtig begriffen.
Carcano