In einem Parallelthread schrieb ich, an rene04 gerichtet
Zitat
Zur Frage der Einschätzung "talentiert" oder "talentfrei" schon bei der Anfängerbeurteilung - eine wichtige Frage in der Tat - sollte ich eher noch etwas im "Talentsuche"-Thread schreiben. Das ist nämlich tatsächlich für viele von Bedeutung. Und das gilt - natürlich - nicht nur für den Schießsport, sondern generell für jede Art von Talentdiagnostik.
Wenn man als Anfänger gerade zu schießen angefangen hat, dann trifft man häufig nicht viel. Entweder man beschränkt sich dann aufs mehr oder weniger fröhliche Knallen (vulgo Ballern), was ja auch völlig legitim ist, und hofft, dass es mit der Zeit und viel Übung doch allmählich besser werden wird, und versucht sich von dem einen oder anderen erfolgreicheren Mitschützen etwas abzuschauen - oder man geht systematisch an die Sache heran.
Und bei dem letzterem Versuch kann auch ein Online-Forum (egal ob Mailing-Liste, Usenet-Newsgroup oder Webboard) zumindest begrenzt hilfreich sein. Manches kann man in der Tat aus Scheiben auslesen, freilich nur mit erheblichen Unsicherheitsfaktoren; die direkte Beobachtung und Korrektur ist da immer überlegen.
Jetzt geht es mir aber - dem Titel dieses Threads hier gemäß - um die andere, gegenläufige Perspektive. Nämlich um Talentsuche, also um eine Beurteilungsfrage, die sich mancher Vereinsverantwortliche, aber auch mancher engagierte Mitschütze stellt. Das ist keine schießsportspezifische Fragestellung, die gibt es in JEDEM Sport.
Die Herangehensweise ist aber ganz unterschiedlich, weil der Begriff zwei durchaus verschiedene Aspekte umfassen kann:
- Das eine ist der Aspekt, überhaupt in einem großen Pool von Menschen Leute herauszufischen, die möglicherweise für den Schießsport besonders begabt sein könnten. In formierten Gesellschaften, zumal in solchen mit Pflichtmitgliedschaften in bestimmten gesellschaftlichen Organisation, ist das deutlich leichter - man muss dort nicht werben und locken, sondern bekommt das menschliche Rohmaterial zur Durchsicht und Bearbeitung geliefert (DDR, UdSSR, Nordkorea, China).
- Das andere ist die Situation, wo Leute (ungeachtet des Alters, das ist gerade im Schießsport weniger bedeutsam als in vielen anderen Sportarten) bereits da sind, wo sie also Interesse zeigen, und wo man dann bemüht ist, im Verein und auf dem Schießstand unter den Interessenten die potentiell besonders Begabten auszulesen und entsprechend zu fördern.
Beides ist Talentdiagnostik, die Diagnoseschritte und Werkzeuge sind aber deutlich andere.
Zum Aspekt 1:
Der häufigste Fehler auf Trainerseite und bei Vereinsverantwortlichen ist NICHT etwa das Übersehen und Nichtfördern von potentiellen Talenten, sondern das Gegenteil, nämlich das zu frühe Pushen und Verheizen. Das ist insbesondere bei Rogos Verein die nächstliegende und im Thread schon verschiedentlich aufscheinende Gefahr. Was nicht an seinem Verein als solchem liegt. In einem anderen Zusammenhang hatte auch Califax schon einmal sehr anschaulich - sowohl aus Eltern- wie aus Trainersperspektive - auf diese Gefahr hingewiesen.
Dieses Problem kennt jeder erfahrene Landestrainer, und jeder Sportwissenschaftler sowieso. Der Kontakt, die Kommunikation zwischen Sportwissenschaft und Schießsport ist aber vielfach eine Einbahnstraße. Die Sportwissenschaft liefert eine Fülle belegter und valider Erkenntnisse und Hinweise, der Schießsport nimmt sie nicht zur Kenntnis oder lehnt sie sogar ab. Manche Bretter sind eben so dick, die kann man nicht bohren, sondern nur sprengen.
Aber natürlich gibt es auch positive Entwicklungen; zum Beispiel die Ergänzung des überlebten und zunehmen dysfunktionalen Kadersystems im Kinder- und Jugendbereich (bei Junioren und Erwachsenen hat Kaderung immer noch ihren Sinn) durch "Talentstützpunkte" und "Talentnester".
Zum Aspekt 2:
Dazu hatten wir gerade im Thread die (sehr verdünnten, weil nur auf Scheibenschussbilder und deren lmitierte Aussagekraft beschränkten ) Anwendungsbeispiele von mikki- einerseits und rene04 andererseits. Da ging es auch um die Frage nach talentiert, weniger talentiert, oder gar "talentfrei".
Hier ist vielleicht doch eine etwas genauere Auseinandersetzung erforderlich:
Es ist sehr naheliegend für einen Zuschauer, eine Beurteilung des vermeinten "Talents" anhand der Schussgruppen auf Scheiben abgeben zu wollen. Und in der Tat gibt es da Anfänger - anscheinende Talente - die schon bei den ersten Malen erstaunlich viele Schüsse in Schwarze bringen. Und wiederum andere, die den Scheibenraum gleichmäßig ausnutzen (und, wenn man den Fehler macht, sofort auf die volle Distanz anzufangen, auch den Kugelfang bzw. die Wand des LG-Standes anteilig mitnutzen).
Die Annahme, dieses ersichtlich scheinende Anfangsalent werde sich aber dann auch zukünftig in gleicher Weise fortentwickeln und fortsetzen, diese Annahme muss häufig nicht richtig sein. Es gibt Sofortentwickler und Schnellblüher, und es gibt Langsamstarter. In jedem Sport. So ist es auch ohne weiteres möglich, dass der am Anfang sehr begabt erscheinende Neuschütze sich dann nach eienr gewissen Zeit kaum wesentlich verbessert (oder verbessern will), während der vermeintliche Schlumpschütze zäh und geduldig immer besser wird. Wie gesagt, das ist in allen Sportarten so. Deshalb soll man die ersten guten Scheiben zwar loben, darf sie aber keinesfalls überbewerten. Umgekehrt darf man einen rene04 nicht demotivieren, weil er die Schüsse mit gutem Raumgefühl verteilt hat.
[Er hat sich auch nicht entmutigen lassen, wie er gerade erklärt hat]