Die Fragen von Wilhelm sind reizvoll, weil sie einen dazu bewegen, die Struktur von Wettkämpfen und Meisterschaften einmal grundsätzlich zu durchdenken, und eigene Erfahrungen (oder eigene Illusionen) mit den Statistiken zu konfrontieren. Auf die unterschiedlichen Aspekte werden allerdings auch die Antworten verschieden ausfallen.
1. Zu der Teilnahme an Rundenwettkämpfen und Aufstiegsschießen zum nächsten Niveau:
Die ganz überwiegende Mehrzahl der Teilnehmer an den Rundenwettkämpfen sieht dies als eine Möglichkeit des (auch auswärtigen) regelmäßigen Trainings mit und gegen andere an, aber nicht primär als hochleistungsorientierten "Wettkampf". Natürlich freut man sich, wenn die eigene Mannschaft gewonnen hat, und wenn man in der Teilnehmerstatistik mit dem eigenen Einzelergebnisdurchschnitt eher oben als unten zu finden ist. Aber der Hauptaspekt ist für 90 % der TeilnehmerInnen die Überwindung des eigenenen inneren Schweinehundes, um in regelmäßigem Abstand zu üben bzw. üben zu müssen (Sonntagmorgen 9.00 Uhr - ins Auto - loszockeln in die tiefe Provinz, wo um alles in der Welt ist nochmal dieses komische Schützenhaus Kleinoberkroitzschendorf bei Niedergesäß?).
Aufstiege in die nächstobere Klasse / Liga sind dort für die Mehrzahl kein *Ziel*, sondern unbeliebt. Es bedeutet nämlich durchweg weitere Fahrerei und mehr Mühen. Das ist der Grund für das geringe Interesse an Aufstiegswettkämpfen.
Bundesliga ist wieder eine andere Baustelle, das ist die Domäne von entlegenen Dorfvereinen ohne andere Infrastruktur, aber mit Sponsoren und eingekauften Spitzenschützen. In der Regel findet man weder die "alten traditionellen" Gilden, noch die großen städtischen Vereine in der Bundesliga, oft sind es kleine Dörflein ohne sonst viel Abwechslung. Für Spitzenschützen ist sie eine wichtige und dringend notwendige zusätzliche Einnahmequelle.
2. Abstinenzquote:
a) Die ist höher in den populären und weit verbreiteten Disziplinen (Luftdruck, KK-Gewehr, Sportpistole), und gering in den Nischendisziplinen. In Standardpistole wird du maximal 1-3 fehlende Schützen wahrnehmen, in laufender Scheibe gar keinen, außer es wäre jemand plötzlich krank geworden. Es ist - glaube ich - aber auch je nach Landesverband sehr verschieden.
b) Der sportliche oder olympische Geist "Dabeisein ist alles" nimmt stark ab. Jedenfalls oberhalb der Kreisebene überlegen es sich SchützInnen zunehmend, ob es sich für sie die wahrgenommene Relation Aufwand <-> Ergebnis "lohnt", und ob man für einen 18. Platz von 30 und das Bewusstsein der eigenen Mittelmäßigkeit wirklich 2 x 200 km weit fahren will. Bei den DM ist das freilich wieder anders: für viele (auch für den Schreiber dieser Zeilen) ist es ja schon ein Ziel und ein Erfolg, sich überhaupt einmal für die Deutschen qualifiziert zu haben und bei dem großen Ereignis dabei gewesen zu sein.
c) Für die Verbände ist es *wichtig*, viele angemeldete (und damit gezählte) Teilnehmer und eingetragene Startplätze aufweisen zu können, und zwar gerade auch sportpolitisch und waffenrechtlich wichtig. Jedem Verband wäre es deshalb lieb, keine oder möglichst niedrige Limits zu haben, wenn das ginge. Die Grenze sind zunächst die Standkapazitäten (daran hapert es vor allem, weil es m.W. nirgendwo im DSB einen geplanten und koordinierten, die Fläche erfassenden Schießstättenausbau nach gesamtverbandlichen Plänen gibt), sodann die Anzahl der verfügbaren Ehrenamtlichen, und letztlich die Anzahl der Termine (Wochentage sind für viele Teilnehmer nicht machbar).
d) Viele Teilnehmer bei den Veranstaltungen zu haben, ist sportlich wichtig und dient die Legitimation nach außen. Dafür muss man aber den Teilnehmern etwas Interessantes in und mit dem Wettkampf zusätzlich bieten. Nur um 60 Schuss mit dem Luftgewehr zu machen (was man bequemer zu Hause haben kann), geben heute zunehmend weniger Menschen ihr Wochenende auf, fahren weite Strecken, und machen Auslagen. Eigene Medaillen können auf großen Meisterschaften aber nur wenige mitnehmen, auch das ist klar. Breitensport gegen Leistungssport. Ein indirekt für die Verbände nützlicher Aspekt sind hier die Teilnahmepflichten nach dem WaffG, um das Fortbestehen des Bedürfnisses glaubhaft machen zu können; das ist auch der Grund, warum gegen die Regelungen von verbandlicher Seite kaum protestiert wurde.
e) Der HAUPTGRUND aber ist die automatische Weitermeldung von Teilnehmern. Sobald du geschossen hast, bist du auch schon sogleich weitergemeldet, wenn Du Dich nicht am gleichen Tag ausdrücklich im Wettkampfbüro persönlich abmeldest (was nur sehr wenige tun, jedenfalls bei uns). Das bringt viele Leute auf Meisterschaftslisten, die sich gar nicht angemeldet hätten, wenn sie das ausdrücklich hätten tun müssen. Und leider sagen dann etliche nicht ausdrücklich ab (wie es fair wäre) sondern erscheinen einfach nicht.
f) Die Übernahme von Startgeldern durch die Vereine kann ein weiterer Grund sein. Wer selber zahlen muss, überlegt sich eher, ob er sich meldet bzw. nicht abmeldet. Und da Startgelder "Reugeld" sind, also keine Rückzahlung stattfindet, gibt auch dies kein Ersparnis-Motiv, um sich ausdrücklich abzumelden bzw. den Rücktritt zu erklären. Allerdings sollte dann zumindest der Schütze dem Verein die unnötigen Auslagen ersetzen, das versteht sich.
Ob ein Verein es sich leisten kann und will, Startgelder (alle? manche?) zu tragen, muss die Vereinskasse entscheiden. Für manche ist es Ehrensache (und der Stolz darauf, den eigenen Verein vertreten zu sehen), andere finden, es sei Privatinteresse des jeweiligen Schützen. Jedenfalls bei Jugendlichen ist die Übernahme der Startgelder weithin üblich, da sind eher die Reisekosten gewichtig.
g) Es gibt immer ein paar Prozent von SchützInnen, die verspätet kommen. Die Organisatoren bemühen sich i.d.R., die dann noch irgendwie einzuschieben. Da helfen freigewordene Plätze natürlich schon.
3. Allgemeines zur Organisation von Wettkämpfen:
a) Wettkämpfe an Wochentagen sind bei uns *undenkbar*. Da käme überhaupt keiner, na ja, vielleicht ein paar Rentner, deren Anteil nimmt ja jedes Jahr zu. Dass die Schützen das dem NSSV überhaupt durchgehen lassen, wie DanielF schildert, ist mir nicht nachvollziehbar. Gleiches gilt für Ferien bei Jugendlichen.
b) Soweit es die Startzeiten angeht, machen sich die Organisatoren in unserem Bezirk und Landesverband (SBSV, also Südbaden) wirklich und ersichtlich die - erhebliche! - schützenfreundliche Mühe, die näher wohnenden Schützen nach Möglichkeit in die frühen Startzeiten zu legen, und die weiter entfernten später. Das klappt nicht immer, aber oft. In großen Flächenverbänden (etwa im RSB !) wäre das noch viel wichtiger, aber verursacht u.U. hohen manuellen Aufwand. Ich denke aber, dass ein vernünftig geschriebenes Vereinsprogramm eine solche Sortier- und Zuordnungsfunktion anbieten könnte, wenn, ja wenn, es tatsächlich mehrere geeignete Schießstände und entsprechend viele Helfer gäbe...
c) Ich frage mich, ob man bei Kleindisziplinen, die eh' nur von wenigen motivierten Spezialisten geschossen werden, die Kreis- und Bezirks- (bzw. Gau-) Ebenen wirklich braucht; so z.B. in den 300-m-Gewehrdisziplinen. Als Gegenbeispiel: Feuerstutzen wird in Bayern ja auch als offene Landesmeisterschaft angeboren, und gerade das macht es beliebt.
d) Es sollte auf LM ruhig mehr Rahmenprogramme (Rahmenwettkämpfe, aber auch anderes) geben. Das wird von den Verbänden zu wenig gesehen und kaum angeboten. Man hat wohl geradezu Angst, Schießen könnte auch Spaß machen.
Ich weiß auch nicht, warum man bei BM und LM so selten Büchsenmacher-, Händler- und Herstellerstände sieht, die ihre Chancen nutzen.
Carcano