Ein sehr inhaltsreicher Thread mit viel Material zum Nachdenken und Vergleichen. Er verdient eine Fortführung.
1. Ich verstehe den Vorschlag bzw. die Musterrechnung von Erzwo nicht als postuliertes "Allheilmittel" (ein Rezept als das beste für alle), und ich denke, dass er es auch überhaupt nicht so verstanden wissen will; dazu kann er sich aber selbst noch äußern, wenn er das zur Klarstellung für nötig hielte.
Vielmehr sehe ich es so, dass er die denkbaren Vorzüge und Vorteile eines bestimmten Vereinsmodells und einer bestimmten eher hohen Mitgliedsbeitragsansetzung einmal werbend vorstellen will, um damit auch andere Vereine zumindest zum Nachdenken und Überlegen anzuregen, "ob nicht vielleicht doch"...
2. Es gibt ganz verschiedene Ausgangslagen. Meist sind sie ursprünglich historisch geprägt und entstanden. Nicht selten existieren die historischen Lagen gar nicht mehr, werden aber noch fortgeschleppt und man kann oder will sich von den zunehmend drückenderen zund einschränkenden Fesseln und Ketten nicht befreien, weil es "doch schon immer so war..." -- aber heute nicht mehr so ist!
a) Der Angesehene Nobelverein. In ihm waren vor über einem Jahrhundert mal die Honoratioren, Inhaber des Großen Bürgerrechts, Patrizier, Notablen, Wohlhäbigen versammelt. Bedingung war eine "angesehene soziale Stellung" (nach dem Maßstab von 1880 oder 1912 !
), zum Beispiel Selbständigkeit, Akademikertum, Reserveoffiziersrang, Besitz mindestens zweier Häuser in der Stadt (doch wirklich) etc. pp. Solche Vereine haben bisweilen immer noch ein prachtvolles Vereinsheim, ach was, einen echten Palast (München, Wiesbaden; früher mal Gotha; tendenziell auch Heidelberg), leisten sich heute aber nicht selten eine von der ursprünglichen bürgertümlichen Selbstbespiegelung ziemlich unabhängige leistungssportlich orientierte Sportschützenkomponente. Das gibt es im Großen, aber auch im ganz Kleinen. Auf die niederen Zimmerstutzler (Häusler, wohl gar noch Arbeiterschützenvereine? soweit kommt's noch!) mit ihren Wirtshausnebenzimmerbahnen sah man als solcher respektabler Feuerschütze traditionell mit Selbstgefühl und einem gewissen Hochmut herab.
Typisch für solche Vereine waren früher hohe formale Anforderungen, Bürgen oder Ballottage für die Aufnahme, ein hoher Aufnahmebeitrag, und durchaus gewichtige Jahres-Mitgliedsbeiträge, sowie die verpflichtenden oder als unabweisbare soziale Verpflichtung empfundenen Umlagen. Heute sind solche Aufnahmebeiträge oft immer noch als Residuum der alten Zeit vorhanden, selbst dort wo die inhaltlichen Anforderungen längst nicht mehr so exklusiv sind. Zunehmend wird diesen Vereinen aber bewusst, das inzwischen durchaus interessante Mitglieder davon abgeschreckt werden, auch Leistungsschützen und Jugendliche, die man gerne hätte.
b) Der Sozialverein im Schützenrock. In etlichen Regionen Deutschland ist "der Schützenverein" eben gerade kein Schießsportverein, sondern versammelt die Mehrzahl der (männlichen) Einwohner. Er ist ein allgemeiner Nachbarschaftsverein (in Höxter z.B. entsprechen die 4 "Kompanien" den alten vier Stadtvierteln, in die die Stadt im Mittelalter gegliedert war). Wichtig sind Schützenrock, Feste, Ehrungsordnung, Umzüge, Schützenfest, Schützenkönigskrönung samt Königin, Ritter, Knabenkönig etc., Schützenball, pseudo-militärische Titel und Beförderungen nach Anciennität, die parallel zu den eigentlichen Vereinsämtern laufen, Schützenschnurordnung mit genau geregelten Farben und Zahl der Eicheln an der Schnur (kein Scherz).
Etwaiges Schießen geschieht - abgesehen vom verpflichtenden Königsschuss - vierteljährlich, in den besonders aktiven Vereinen sogar als "Monatsabschießen" mit fünf Schuss KK 50 m stehend aufgelegt mit den Vereinsgewehren von 1964 auf maroden Zugbahnen. Daran nehmen dann 5 bis 10 Leute teil, und die mangelnde Beteiligung bei 800 Mitgliedern wird regelmäßig formal beklagt, ohne dass man eigentlich jemals ernsthaft etwas daran ändern wollte ("das ist doch kein Ballerverein hier!").
c) Der Kommerzbunker. Er ist (zumindest in den alten Bundesländern) fast immer ein Indoorstand, in der Regel mehrdistanzfähig. Meist reicht er bis 25 Meter, selten einmal weiter (wie in Ulm: 300 m). Er ist aus Prinzip betoniert und häufig schummerig. Die Hauptsorge des Betreibers ist die Absauganlage mit ihren alle acht Monate wieder mal verschärften Umwelt- und Arbeitssicherheitsauflagen. Unter anderem auch darum ist das Schießen in ihm nicht billig. Hin und wieder gibt es Tote, nämlich wenn länger nicht gereinigt wurde.
Einige IPSC-Vereine und BDMP-SLGs haben sich stundenweise in ihm eingemietet, Gäste bekommen bereitwillig Leihwaffen, gerne groß- und größtkalibrig; manchmal gibt es auch einen Betreiberverein mit Mitgliedern, wenn der Schießstättenbetreiber darin einen Steuersparvorteil sieht. Die Kunden tragen weder Schützenrock noch sonst historisches Outfit; Cargo-Hosen und 5-11-Chinaschrott dominieren das optische Bild. Manche Besucher versuchen in schwarz und mit däggtikkel Schnürstiefeln, "range bags" (nicht etwa Sporttaschen) und uniformer taschenreicher Oberbekleidung sehr währschaft und hardboiled auszusehen; wenn da nur nicht Wampe und Doppelkinn und breites Hessisch das männliche Erscheinungsbild gelegentlich etwas konterkarierten. Man liest Caliber, verwendet aus Prinzip nur englischsprachige Bezeichnungen für Waffenteile ("wat fürn Diameter hatt'n der Barrel da?") und bezeichnet sich als erfahrenen Wiederlader; deshalb erschnorrt man sich auch die Ladedaten durch Nachfrage bei einem Quickload-Besitzer. Über "die Weiber" ist man sich ebenfalls im Grundsatz gerne einig: große Ohren sind jedenfalls wichtig.
Außenstehende munkeln gerne und mit einem Mischung aus Mißtrauen und verstohlenem, leicht lüsternem Neid, "da drinnen" gingen "die Rechten" ein und aus; oder die Luden der Stadt besorgten sich hier hier die Bedürfnisbescheinigungen für ihre Kurzwaffen; oder die örtlichen Hells Angels übten hier Schießen für ihre Bandenkriege mit den Bandidos; oder da gäbe es [zu] viele "Mitbürger mit ausländischem Namen" (du weißt schon...!).
Zu einem kleinen Teil stimmt das sogar, weil Betreiber Heinz Piepenkötter gerne für die Stammkunden mit VIP-Card und club membership jede gewünschte Waffe über seine Waffenhandelslizenz besorgt (mit bescheidenen 30 bis 50 % Aufschlag) und so lange im Club lagert und bei Besuch dem neuen Eigentümer jeweils ausgibt - zum alleinigen Zweck des Schießens auf der Schießanlage -, "bis irgendwann die eigene WBK erteilt worden ist". Was natürlich dauern kann.
Aber in aller Regel ist das Publikum sehr harmlos. Nur das zuzugeben wäre natürlich zu langweilig.
d) Der Sportleistungsträger. Er hat häufig einen komischen oder fast irreführenden Namen. Aber hinter der "Schießsportabteilung des Eisenbahnersportvereins Weil am Rhein" verbirgt sich vielleicht einer der führenden deutschen Pistolenvereine überhaupt, mit Nationalkaderschützen und Olympiateilnehmern. Oft ist er in der halben oder gazen Provinz angesiedelt; manchmal ist er durch Metamorphose aus einen Dorfschützenverein herausgewachsen, dessen weiter vorhandener Gastraum Loriots Entzücken wäre (SV Eisental). Er hat fast durchweg moderne und modernste Schießanlagen (elektronische Scheiben sind eh' de rigeur, die 50 m Pritschen sind beheizt und werden über eine zentrale Schalttafel gesteuert, der eigene Umkleideraum reicht für eine kleinere Mehrzweckhalle), die Vereinswaffen sind vom Neuesten und Teuersten, und ohne bunte Ritterrüstung kommt mensch genauso wenig in die Luftgewehrhalle wie mit Straßenschuhen in eine Schulsporthalle. Besitzer von Knickläufen, Seitenspannern und CO2-Kartuschen werden höflich ignoriert; nach der dritten Frage erhalten sie vielleicht eine einsilbige Anwort. Beim Training herrscht entweder peinliche Totenstille (alle Luftdruckschützen tragen zusätzlich noch Kapselgehörschutz), oder es dröhnt laute Musik, weil das ja bundesligagemäß ist. Und die Teilnahme an dieser höchsten Liga ist selbstverständlich eine Frage der Ehre.
Die Jugendabteilung ist groß; ihre Fluktuation auch, was aber nur an den flatterhaften und einfach zu wankelmütigen Jugendlichen liegt, denen trotz 370 Ringen noch die richtige Einstellung fehlt. Sportlicher Erfolg ist eine ernste Sache, verlangt Einsatz und Opfer, und zu viel Spaß ist verdächtig. Wer den Sport vernachlässigt (also zweimal hintereinander im Training fehlt) gegenüber Flausen wie Schule, Freund(in) [samt Sex], und Familienfeiern, darf ein ernstes Unterstützungsgespräch mit dem Trainer und dem Zweiten Vorstand führen. Pressearbeit wird ganz groß geschrieben, die Lokalzeitung ist voll von Berichten; der Verein ist der Stolz des Dorfes, und zu auswärtigen Ligakämpfen reisen die Unterstützer in gemieteten Kleinbussen mit. Und mit Vuvuzelas.
Carcano