Paradigmenwechsel: von "Ehrenamt" zum bürgerschaftlichen Engagement

  • Paradigmenwechsel bedeutet nicht, dass es die bisherigen Stufen und Unterscheidungen nicht mehr geben würde. Wir werden auch weiterhin Hauptamtliche und Ehrenamtliche unverzichtbar brauchen; aber ihre Bedeutung einerseits, und die Bedeutung freiwilligen und umgrenzten Engagements andererseits, haben sich geändert und werden sich noch weiter ändern, und das haben die Schützenverbände anders als andere Verbände noch nicht so recht realisiert.


    Auch in Zukunft wird und muss es einen festen Strukturstamm von Funktionsträgern geben; er wird möglicherweise sogar noch wichtiger werden. Aber seine Rolle und sein Selbstverständnis werden andere sein müssen. Und das ist auch keine Mode, genauso wenig wie es bloss "modern" ist, Reisen mit pferdelosen Automobilen zu unternehmen, Fernsprechapparate zu benutzen statt einen Geschäftsboten aus dem Kontor zu schicken, im eigenen Salon ein kleines Lichtspieltheater (früher untergebracht in einem größeren Kasten mit gläserner Scheibe, wie einer Vitrine, heute in einer Art Bilderrahmen) zu unterhalten, oder in die Sommerfrische nach Übersee (!) zu fahren.


    Was sich ändert, ist einmal die Verlagerung gewisser Funktionen und Verantwortlichkeiten auf Hauptamtliche. Also berufsmäßig angestellte und hoffentlich entsprechend professionell ausgebildete Mitarbeiter. Von der Geschäftsführerin bis zum Sachbearbeiter. Deren Anzahl ist sehr verschieden; zwischen einer großen Organisation wie dem DOSB, die nach den gleichen Maßstäben geführt werden muss wie ein kleineres Landesministerium oder ein Unternehmen, und einem mit geringstem Personalaufwand und noch viel "Ehrenamt" dennoch effizient arbeitenden kleineren Schießsportverband (nehmen wir z.B. die DSU als zentral geführten Verband mit gerade mal 13.000-14.000 Mitgliedern) liegt da natürlich eine weite Spanne.


    Diese genannte Professionalisierung muss und wird auch durchschlagen auf die Funktionsebene der "Ehrenamtlichen". Wir haben heute nicht mehr den "Vereinsfürsten" oder "Schützenmajor" als Leitbild in der Sportorganisation - beide taugen mehr fürs Marionettentheater oder fürs komödiantische Fernsehprogramm, "alles für den Dackel, alles für den Hund !" - sondern den "Vereinsmanager[in]".
    Dieser Name ist nun, das räume ich ein, vielleicht etwas modisch; das Konzept dahinter ist aber sehr vernünftig und notwendig, und DOSB und Landessportverbände geben es allen Verbänden mit gutem Grund vor, und bilden entsprechend aus.
    Eine solche Vereinsmanagerin kann eine ehrenamtliche, gewählte Präsidentin sein, oder eine entlohnte Geschäftsführerin. Beides ist denkbar. Insoweit muß man "Hauptamt" und Ehrenamt" gar nicht als Gegensatz verstehen, es können auch verschiedene Intensitäten der gleichen Tätigkeit sein.
    Große Sportvereine (insbesondere Mehrspartenvereine, aber auch größere Fachsportvereine) können anders als mit hauptamtlichem Vereinsmanager gar nicht mehr existieren und wirtschaften.
    Hingegen der Kyffhäuserschützenverein 1888 e.V. in Tuchtfeld, Kleinmoorkamp oder Hunzen, und der Eisenbahnerschützenverein Holzminden (dessen eigener kleiner Schießstand jetzt mangels Schützen zur Vermietung durch DB-Immobilien steht, diese Kleinstadt hat ja auch nur noch 10 weitere Schützenvereine) gehen freilich auch ohne; jedenfalls solange bis sich ihr letztes, über 70jähriges Mitglied ins betreute Wohnen zurückgezogen hat, und dann ist ohnehin Ende...


    * * *


    Als Anregung zum weiteren Gedankenaustausch der Auszug eines Chat-Gesprächs, das ich vor einiger Zeit mit einer noch zur "Jugend" gehörenden Gesprächspartnerin geführt hatte. Die junge Frau ist leistungsportlich aktiv, und übernimmt dazu noch eine Vielzahl freiwilliger Aufgaben in ihrer Schule.
    Das Thema als solches ist seit Ende der 1990er Jahre schon vielfach erörtert worden und ist den Landessportbünden wohl bekannt; die Schießsportverbände verschließen allerdings [noch] weithin hartnäckig die Augen.


    [Ich]
    Aber mir geht es um etwas ganz Anderes, und sehr Wichtiges.
    Den PARADIGMENWECHSEL weg vom klassischen, sehr statischen, auf Jahre und Jahrzehnte angelegten "Ehrenamt" (= "Ehre" & "AMT") ...


    [L]
    Dass es nicht mehr ehrenamtlich, sondern freiwillig geschieht.


    [Ich]
    ... hin zu volunteerism, wie es so überaus beliebt und sehr erfolgreich in den USA vorherrscht.
    Genau! :-)
    Freiwillige Mitarbeit. Das kann das freiwillige Einbringen besonderer individueller Teilkompetenzen bedeuten, kann auch einfach heißen; diese Woche mache ich mal 2 Stunden was für den Verein, egal was anliegt. Oder es kann ein Projekt sein.


    [L]
    Ja. Wie zum Beispiel jeden 1. Sa im Monat den Büchereidienst übernehmen. Auch wenn ich da selbst einen Vorteil daraus habe. :)


    [Ich]
    Ja. Aber sich nicht für die nächsten vier Jahre zum "Büchereiwart" wählen lassen.


    [L]
    Nein, habe ich mal nicht vor. :P :P


    [Ich]
    Denn zu helfen, in begrenztem und überschaubarem Umfang (!), sind viele bereit. Sogar gerne. Aber klassische "Ehrenämter" wie zu Zeiten der Großeltern, da wäre man/frau ja blöd, sich so eine Eisenkugel ans Bein zu binden.
    Ich z.B. habe eine kurze D-Trainer-Ausbildung gemacht. War vom Zeitaufwand noch tragbar, C-Trainer ist kaum zu stemmen. Und ich habe es nicht gemacht, damit ich in Zukunft "Der Vereinstrainer" wäre (*schauder*), sondern damit ich a) gelegentlich Neuankömmlingen vernünftige Tips geben und sie besser anleiten kann, und b ) damit ich selber was davon habe. :)
    Reihenfolge a) und b ) kann auch umgekehrt werden.


    [L]
    Ja, etwas Freude muss man auch dabei haben, sonst bringt es nichts. Weder anderen noch einem selbst.


    [Ich]
    Klar. Ich schieße dann (hoffentlich) selber besser.


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    Beste Grüße aus Südbaden,
    Carcano

  • Ich denke, das beantwortet meine in einem anderen Thread gestellte Frage:

    Meinst Du die Ausbildungsreihe zum Vereinsmanager?


    Sensibilisierung tut also mancherorten Not. Allerdings befürchte ich, dass nicht jeder Verein über die geeignete Zielgruppe verfügt (s. meine Ausführungen im Anschluss an meine Frage).

    Jede Schießsport-Disziplin hat ihre Existenzberechtigung. Zusammenhalt ist wichtig - über die Grenzen von Disziplinen und Verbänden hinweg.

  • Um Dich weiter zu zitieren, Frank: "Eine stabile, qualifizierte und motivierte Führungscrew und die Wahrnehmung einzelner Aufgaben auch oder vornehmlich durch andere - falls Du das so gemeint hast. Delegation ist das Stichwort, sowohl für wiederkehrende Aufgaben als auch für Projekte."
    :thumbup:


    Carcano