Das Schützenfest als kultureller Sonderfall

  • Hallo zusammen,


    es gibt ein Buch von Nadine Hampel
    Das Schützenfest als kultureller Sonderfall
    dargestellt am Beispiel einer westfälischen Kleinstadt - eine kulturell-phänomenologische Erörterung
    Juli 2010, Vdm Verlag Dr. Müller.


    Mit folgender Beschreibung:
    Das Buch Das Schützenfest als kultureller Sonderfall richtet sich im Besonderen an Experten aus dem Bereich Kultur und Kulturforschung, aber auch an Studenten und Wissenschaftler der Bereiche Kultur, Brauchtum, Sprache, Geschichte und Entwicklung. Neben der detaillierten Geschichte des Schützentums und dessen Bräuchen im Allgemeinen, erläutert die Autorin leicht verständlich und doch anspruchsvoll an einem besonderen Beispiel, wie sich das Schützentum, Schützenfest und dessen Brauchtümer und Bestimmungen entwickelt haben. Außerdem wird eine Tendenz zur Zukunft des Schützenwesens erarbeitet. Ein selten behandeltes und fast schon in den Schatten moderner Kulturforschung gedrängtes Thema wird hier anschaulich und unterhaltend erörtert und erwacht zu neuem Leben, wobei der wissenschaftlich-theoretische Aspekt trotzdem nicht vernachlässigt wird.
    Hat evt. jemand das Buch bereits gelesen?
    Da es 49 Euro kosten soll, würde ich vor der Investition gerne eine oder mehrere Kommentierungen dazu hören/lesen.

  • Quote

    am Beispiel einer westfälischen Kleinstadt


    deutest schon auf die Beschränktheit des Werkes hin, was dem aber auch nicht unbedingt Abbruch leisten muss. Der Begriff 'kultureller Sonderfall' kann auch ein Hinweis auf eine gewisse Voreingenommenheit sein.


    Das Schützenwesen und das damit verbundene Schützenfest ist so vielfältig und umfassend, dass man sich wohl über Jahrzehnte und dann wohl auch noch in entsprechender Position damit beschäftigen muss, um es wirklich zu durchdringen. Der ehemalige Geschäftsführer des WSB, Ferdi Grah, war so jemand, der auf dem Gebiet mit umfangreichem Wissen punkten konnte. Aber ich gehe auch bei ihm davon aus, dass er nicht den Anspruch hatte, dass Thema wirklich komplett erfasst zu haben.


    Wie gesagt, das Buch, welches ich nicht kenne, muss deshalb nicht wirklich schlecht sein. Aber es dürfte wohl wie fast alle Werke zu dem Thema nur einen beschränkten regionalen Blick ermöglichen. Oft gibt es zwar regionale Gemeinsamkeiten, aber oft unterscheiden sich die Vereine auch schon von Dorf zu Dorf oder Stadt ganz erheblich, oft begründet durch die Historie und den Anlass der Gründung.


    Natürlich gibt es auch Gemeinsamkeiten, aber man muss da auch immer aufpassen, dass man nicht in Allgemeinplätze abrutscht.


    Na ja, lesen könnte man es ja mal. Aber 49 EUR ist auch schon eine Ansage. Ist es eine Promotionsarbeit? Die lesen sich erfahrungsgemäß oft eher so naja. :S



    Mit bestem Schützengruß


    Frank - der Name "Nadine Hampel" kommt mir irgendwie bekannt vor. Muss mal schauen.

  • Also ehrlich gesagt, das Schützenfest in meinem Heimatdorf war sowas von besäufnis-und kungeleiorientiert, das war schon extrem peinlich. Ich hab über 40 Jahre gebraucht um mich davon zu emazipieren.
    Dass das ein Schützenfest in irgendeinem Kaff ein soziologischer "Sonderfall" sein soll, überrascht mich kein bisschen.
    Ich hab wirklich 40 Jahre lang geglaubt, alle Schützenvereine wären Kungel-&Saufvereine, wo der Schützenkönig derjenige wird, der sich die Lokalrunde leisten kann/will.
    Inzwischen habe ich die sportliche Komponente der ernsthafteren Vereine aber besser verstanden...

  • Hallo Oldhoss,
    vielen Dank für den Link, der den Hintergrund zum Buch erklärt und auch meine Frage nach kaufen/nicht kaufen beantwortet.


    ODER DOCH NICHT? Da mich auch die Inhalte zur Zukunftsentwicklung interesssieren, gerade auch bei so traditionell werwurzelten Vereinen.

  • jaja: "„Bier ist definitiv das wichtigste Getränk“, stellt Nadine Hampel fest. Aber auch der Entstehung des Knickebeins ist sie auf den Grund gegangen. 1869 sei das Schnapsgemisch zum ersten Mal aufgetaucht."
    Ich erkenne hier jedenfalls einen mir bekannten Schwerpunkt.
    Wie dem auch sei: Ich halte dieses Werk für ein eher nicht optimales Mittel, um der unvoreingenommenen Leserschaft unser Hobby (Löcher in Pappe) näherzubringen.

  • Ich habe ein solches "Schützenfest" mal im Fernsehen gesehen, da wurde es reichlich negativ dargestellt als das von pustefix beschriebene dreitägige Saufgelage.


    Solch Saufgelage-Schützenfeste habe ich bei uns im südlichen Bayern noch nicht gesehen, aber interessant wäre es schon einmal einem solchen mehrtägigen "Spektakel" beizuwohnen und sich selbst ein Bild davon zu machen. Bisher ist mein Bild davon leider etwas negativ geprägt.

    Mit bestem Schützengruß aus Niederbayern

    dingo

  • Also bei uns im Dorf war es nur ein Tag. Der fing gegen halb 10 mit "bumm, bumm, bumm"-Trommeln und einem Kapellenumzug an und hörte mit dem Saufgelage abends gegen 10 oder wann auch immer alle kotzen mussten auf, dazwischen wurde irgendwann mal auf einen Holzvogel geschossen; die Siegerkriterien (größtes Stück, Kopf, Brust oder Keule) blieben wohl eher geheim; Hauptsache, es wurden ein paar Lokalrunden geschmissen.
    Also mit Sport hatte das alles eher nichts zu tun: Kriterien fürs Gewinnen waren unklar, "Geselligkeit" (sprich saufen) war die Hauptsache, und irgendwie gewann immer der Bürgermeister oder sein späterer Nachfolger...
    Klar ist das Bild davon negativ; man muss schon selber betrunken sein um das gut zu finden.
    (Ich rede hier von meinem kleinen Heimatdorf in Schleswig-Holstein, ich mag es aber zu sehr um zu sagen welches. Außerdem gibt's inzwischen die Dorfkneipe nicht mehr, so dass das ganze Brauchtum irgendwie den Bach runter ging. Noch weiter...)

  • Wie dem auch sei: Ich halte dieses Werk für ein eher nicht optimales Mittel, um der unvoreingenommenen Leserschaft unser Hobby (Löcher in Pappe) näherzubringen.


    Das ist auch nicht Sinn und Zweck des Werks.


    Das traditionelle Schützenwesen hat aber (auch heutzutage noch) in vielen Gegenden einen sehr hohen Stellenwert und stellt oft auch den kulturellen Höhepunkt des Jahres dar. Speziell das Sauerland (im südöstlichen Teil von NRW mit Ausläufern bis nach Hessen gelegen), wo der von der Autorin beschriebene Verein Altena liegt, ist eine ausgesprochene Schützenhochburg. Dort gibt es in fast in jedem Dorf einen Schützenverein, oft mit Tausenden von Mitgliedern und oft mehr, als das Dorf Einwohner hat. In meiner Kleinstadt am Rande des Sauerlandes gibt es, man höre und staune, 10 Schützenvereine, in der größeren Nachbarstadt sogar 15. Diese Schützenfeste kann und darf man auch nicht nur auf das Saufen reduzieren, auch wenn man auch diesen Aspekt auch nicht leugnen kann und muss. In unserer Gesellschaft gehört das Trinken zur Kultur und manchmal wohl auch zur Unklultur. Aber getrunken wird doch bei fast jeder Feier, sogar bei Beerdigungen. Ich habe jedenfalls schon Feiern der sogenannten höheren Gesellschaft gesehen, wo es deutlich unzivilisierter zuging als auf den Schützenfesten.


    Aber das Schützenwesen ist deutlich mehr. Es kann immer noch die große Gemeinschaft sein, wenn man sich darauf einlässt. Gerade hier in Westfalen stellen die traditionellen Schützen auch immer noch eine Bank dar und auf den Schützenfesten wird sogar oft auch Politik gemacht. So mancher Politiker, welcher auf dem Schützenfest nicht punkten kann, hat auch keine Chance. Speziell unsere besonderen Freunde, die Grünen, tun sich auf dieser Ebene auch bisher noch schwer.


    Hinzu kommt auch noch, dass die meisten sportlich orientierten Vereine hier als Abteilungen in die großen traditionellen Vereine integriert sind. Das hat Vorteile, bringt aber auch manchmal Reibungspunkte mit sich. Auch mein Stammverein hat über Tausend Mitglieder und eine Menge Einfluss auch weit über die Stadt hinaus. Aber wir haben leider auch nur noch so ca. 30 aktive Sportschützen, wenn es hoch kommt und davon sind die meisten auch schon etwas älter. Aber als hier die Sache mit den Schulständen los ging, da wurde dann doch irgendwann auch von den traditionellen Schützenvereinen ein Machtwort gesprochen und es war Ruhe. Ich glaube auch, dass, wenn sich die Sache mit den Verboten und Steuern noch weiter zuspitzt, dann werden auch wieder die traditionellen Vereine und Verbände ihre Stimme erheben und die wird dann auch Gehör finden.



    Zum Buch: Sicher kein schlechtes Werk, aber 64 Seiten für 49 EUR sind doch wohl eher etwas, sagen wir mal, dünn und daher vermutlich auch eher für direkte Schützen aus Altena interessant. Für mich jedenfalls dürfte sich auch der mögliche Erkenntnisgewinn daraus in engen Grenzen halten, ohne hier jetzt einen auf arrgogant zu machen. Aber sollte ich es mal geschenkt bekommen ...



    Mit bestem Schützengruß


    Frank - Glaube Sitte Heimat

  • Preisfrage:
    Wieviele Schützenvereine werden noch ein Interesse daran haben, schützenfeste auszutragen, wenn die Verbote, Besteuerungen oder hohen Gebühren die ersten Mitglieder kosten werden?

  • Preisfrage:
    Wieviele Schützenvereine werden noch ein Interesse daran haben, schützenfeste auszutragen, wenn die Verbote, Besteuerungen oder hohen Gebühren die ersten Mitglieder kosten werden?

    Dann werden sie erst recht ausgetragen, denn die fehlenden Beiträge müssen durch Gewinne aus dem Schützenfest ausgeglichen werden.

  • Ich würde so ein Schützenfest ja gerne mal erleben, obwohl ich mich für militärisches Gehabe und irgendwelche Pseudouniformen nicht wirklich begeistere und auch die Verbindung zwischen Breitensport bzw. Leistungssport und Massenbesäufnis eher befremdlich finde.

    Gerhard Seemüller


    „Great minds discuss ideas;

    average minds discuss events;

    small minds discuss people.“

  • Dann werden sie erst recht ausgetragen, denn die fehlenden Beiträge müssen durch Gewinne aus dem Schützenfest ausgeglichen werden.


    In unserer Region gibt es m. W. keinen Verein, der sich bei der Finanzierung des Vereins auf einen nachhaltigen Überschuss aus dessen Schützenfest verlässt. In der Regel sind die Schützenfeste in der Endabrechnung ein Zuschussgeschäft dafür, dass der Bevölkerung noch ein "Volksfest" angeboten wird.


    Keine Angst vor den Schützenfesten in der Zukunft, die wird es in der bisherigen Form so nicht mehr geben: Mitgliederschwund, Vereinssterben, Fusionen, Arbeiten, die keiner mehr für andere übernehmen möchte, abnehmendes Interesse an der Fortführung von Traditionen und Brauchtum, Vergnügungssteuer, GEMA, wirtschaftliche Bedeutungslosigkeit für Unternehmen, Rückzug der Sponsoren usw. usw.....

  • Wie unterschiedlich doch die Schützenwelt ist, bei uns machen die Vereine auch Fußballer und andere, Feste um Geld für den Verein zu verdienen.


    Karl

  • Tja, wenn die Schützenwelt erstmal soweit ausgedünnt wurde, dass nur noch reine Luftdruck und KK Vereine übrig sind, werden kaum noch genaug Vereine vorhanden sein, um ein lohnendes Fest auszutragen.

  • Das traditionelle Vogelschießen wird zwar mit allen möglichen Kalibern und Waffen ausgetragen, aber gerade in den sportlichen Abteilungen der traditionellen Vereine wird überwiegend mit Druckluft und KK geschossen. Das ergibst sich so einfach aus der gewachsenen Historie. Reine GK-Vereine sind hingegen oft eigenständig und ohne Bindung an das traditionelle Schützenwesen.



    Mit bestem Schützengruß


    Frank

  • @DanMore


    Dieser Logik kann ich nicht folgen. Was soll bitte GK/KK/LG Vereine mit einem tollen Schützenfest zu tun haben?


    Bei uns haben reine Luftdruckvereine wirklich super Schützenbälle und -feste. Diesen Vergleich halte ich also für an den Haaren herbeigezogen.

    Mit bestem Schützengruß aus Niederbayern

    dingo